Das Zeitalter der agilen Methoden bricht an und man bekommt das Gefühl, dass sich alles radikal verändert. Auch das Thema Führung wird intensiv diskutiert. Googelt man das Thema dann stößt man schnell auf Begriffe wie z.B. Leadership, Management 3.0, Führung, Beispiele für Organisationsformen und noch vieles mehr.

Die radikalen Agilisten würden am liebsten von heute auf morgen jede Führungskraft abschaffen, während die klassischen Manager beim Thema Agilität am liebsten noch zusätzliche Stellen schaffen würden, um das Thema besser zu verwalten. Als Neuling ist es nicht einfach sich zu Recht zu finden, geschweige denn einen objektiven Überblick zu erhalten. Als Erfahrener ist man fast gezwungen sich für eine Meinung zu entscheiden. Die Frage ist, was ist richtig in Sachen Führung?

Schauen wir uns doch zuerst einmal die IST-Situation an. In den größeren Unternehmen wird jahrzehntelang der Manager als Allzweckwaffe eingesetzt. Verwaltung, fachliches Knowhow, Personalführung, Ressourcenplanung, eine großes Netzwerk im Unternehmen, Kundenbetreuung und noch viele weitere Aufgaben zählen zu seinen Aufgaben. Meiner Meinung nach ist dies für einen einzelnen Menschen nahezu unmöglich zu schaffen. Im Berufsalltag angekommen kommt für viele Manager schnell das nüchterne Erwachen. Schon so manchem läuft der kalte Schweiß über den Rücken, wenn zwei Kollegen mit zwischenmenschlichen Problemen in seinem Büro stehen. Diese lassen sich in den meisten Fällen weder mit Excel-Listen noch mit Dokumentationen oder Reports lösen. Andererseits werden diese Dokumente oft vernachlässigt, wenn man seinen Schwerpunkt auf die Social Skills legt. Keine leichte Aufgabe.

In den letzten Jahren rücken nun auch noch die agilen Methoden zunehmend in den Fokus, als ob das Leben nicht schon schwer genug ist. Es wird über Führen, Managen, Leading, Leitung und andere Begriffe kontrovers diskutiert. In Scrum gibt es mit dem Scrum Master eine Rolle, mit der man zuerst nicht so richtig etwas anfangen kann. Eine laterale Führungsrolle, der dafür sorgen soll, dass das Team arbeiten kann und arbeitet ohne Weisungsbefugnis. Das geht doch nicht. Doch!

In einem Team gibt es meist einen oder mehrere inoffizielle Teamleader. Diese Leader, oft als Alphatiere bezeichneten Menschen, sind auf der gleichen Stufe wie alle anderen im Team, dennoch scheint das Team Ihnen zu folgen und sich von ihnen führen zu lassen. Als Gründe hierfür fallen mir an dieser Stelle immer Vertrauen und Kompetenz ein. Wem dieser Gedanke nicht ganz geheuer ist kann sich ein gut funktionierendes Team im Sportbereich ansehen. Denken Sie an eine Fußballmannschaft. Auf dem Platz gibt es einen „Dirigenten“, der die Mannschaft auf dem Platz steuert und eigentlich nur einer von 11 Spielern ist. Diese ganzen Aspekte lassen sich nicht in einzelne Stellenbeschreibungen packen. Vielmehr ergibt sich alles aus der Gesamtheit der Rollen. Und Rollen bieten die Möglichkeit abwechselnd wahrgenommen zu werden.

Aber was brauche ich denn jetzt im agilen Umfeld??

  • Brauche ich eine führende Kraft?
    Ja, es braucht jemanden der voran geht. Das heißt nicht, dass derjenige offizielle Weisungsbefugnis braucht. Ein Anführer gibt Orientierung, er lebt die Dinge vor und zeigt den Weg.
  • Brauche ich eine leitende Kraft?
    Ja, zur Erledigung der Aufgaben benötigt es einen sinnvollen Rahmen, in dem sich ein Team oder eine Organisation bewegen kann. Der Rahmen leitet mich so immer in eine gewisse Richtung. Eine Vision leitet ebenfalls, indem sie die Richtung zum Ziel zeigt.
  • Also brauche ich dann keinen Manager mehr?
    Das könnte man meinen, aber auch Manager werden benötigt. Bei jedem Vorhaben benötigt es kontinuierlich den Blick von außen, ob man sich noch im Rahmen befindet oder sich in die vereinbarte Richtung bewegt.

Wer in den 50iger und 60iger Jahren sein Arbeitsleben begann wird wahrscheinlich zu meinen Ausführungen etwas bemerken wie: „Und was soll da jetzt neu sein?“. Genau das frage ich mich bei der ganzen Diskussion auch. Wirft die Diskussion die durch die Agilität nicht die Punkte auf, die schon seit jeher im Raum standen? Bei einem Vortrag habe ich gehört, dass man heute katalytische Führungskräfte benötigt, wie Nelson Mandela eine war. Nelson Mandela hat allerdings lange vor dem agilen Manifest gewirkt.

Es gibt übrigens auch Meinungen die sagen, dass eine Führungskraft nur mit entsprechender Stellenbeschreibung wirken kann. Führen solche Argumente die ganze Diskussion nicht an der Nase herum? Das wäre dann immerhin auch eine Form von Führung.